Sie ist wieder da! Zwar nicht wirklich begeistert wieder
in Canada zu sein, aber doch ein bisschen froh mich wieder zu sehen ist
Petra wieder heile in Vancouver gelandet. Patrick hat sich fast 8 Wochen
Urlaub in Deutschland gegönnt, aber auch der ist mittlerweile wieder da.
Allerdings hat Patrick nur ein paar Tage mit uns verbracht. Am Sonntag
morgen ist der schon wieder zu einer 1-wöchigen Konfirmanden-Freizeit auf
Thetis Island aufgebrochen. Die kleine Insel ist Vancouver Island
vorgelagert und da wird es Patrick sicher nicht langweilig ohne Fernseher,
Playstation und Computer. Auf dem Programm stehen Bibelstunden, Wanderungen,
Schwimmen, Kajaktouren und was weiß ich noch alles.
So ganz ohne Auto geht's wohl doch nicht. Ich fahre zwar nach wie vor mit Bus und Skytrain zur Arbeit, aber wir haben uns dazu durchgerungen wieder ein gebrauchtes Auto zu kaufen. Allein der wöchentliche Einkauf wiegt manchmal fast soviel wie ich. Den Einkauf dann ohne Auto nach Hause zu kriegen ist nicht wirklich lustig. Also haben wir etwas in der Craigslist gestöbert und wieder einen Ford Taurus Kombi gefunden, der uns zusagte. Diesmal von privat und aus erster Hand. Sehr gut gepflegt und nur verhältnismäßig wenige Kilometer auf dem Tacho denn 147.000 KM gelten hier fast noch als Neuwagen. Wir hoffen jetzt erstmal für 1-2 Jahre Ruhe zu haben, aber in den alten Karren steckt man ja bekanntlich nicht drin.
Arbeiten "out of town" war angesagt. Die Firma hatte wohl
mit einem mittelgroßen Sommerloch zu kämpfen. Chefetage und Bauleiter
beteuerten zwar, dass man Aufträge ohne Ende hätte, aber zeitlich passte das
angeblich nicht nahtlos aneinander. Ich sollte einige Tage oder sogar länger
Zuhause bleiben, ohne Bezahlung versteht sich. In meiner mir eigenen
unwiderstehlich charmanten und höflichen Art habe ich daraufhin den
Bauleiter noch mal daran erinnert, dass ich immer noch mit einem workpermit
arbeite, das es mir unmöglich macht woanders zu arbeiten um den Lohnausfall
auszugleichen. Sollte die Firma also tatsächlich keine Arbeit haben, würde
ich mich umgehend um ein neues workpermit und somit auch einen anderen
Arbeitgeber bemühen müssen. Nur wenige Stunden später
klingelte das Telefon und auf einmal war wieder Arbeit da. Komisch wie
schnell sowas manchmal geht.
Nach ein paar Tagen Flick hat mein Chef mich
dann gefragt, ob ich auch außerhalb arbeiten würde. 10-12 Stunden pro Tag 14
Tage am Stück irgendwo an der Grenze zu Alberta. "Klar" hab ich gesagt,
"bevor ich hier überhaupt keine Arbeit habe."
Am Freitag, den 25. Juli ging es dann los, am 9. August sollten wir wieder
zu Hause sein. Wir, das waren mein Kollege Thorsten und meine Wenigkeit.
Mit dem Flugzeug ging es von Vancouver nach Cranbrook. Mann, kommt man sich
da wichtig vor. Als Maurer samt Werkzeug wirst du hier 1000 Kilometer durchs
Land geflogen weil es nicht genug von deiner Sorte gibt. Das erzähl mal
einem in Deutschland.
In Cranbrook hat uns der Foreman in Empfang genommen und nach
Sparwood
gefahren, wo unsere Unterkunft für die nächsten 2 Wochen war. Ein Motel an
der Hauptstrasse - Qualität: naja. Zumindest hatte aber jeder sein eigenes
Schlafzimmer und eine Kitchenette war auch drin. Alles so ein bisschen "angeschmuddelt"
aber was willste machen. Sparwood liegt am Eingang des Elkvalleys zwischen
dem bekannten Wintersportort
Fernie und dem Ende der Welt:
Elkford. Eigentlich wunderschön
gelegen, wenn da nicht die riesigen Tagebau-Kohlenmienen wären. Am nächsten morgen
wurden wir abgeholt und lernten auch die anderen beiden Kollegen kennen. Die
eigentlich Baustelle war in einer der besagten Kohlenmienen der
Elk Valley Coal rund 70 Kilometer von Sparwood
entfernt. 1 Stunde Fahrt morgens und abends durch die fast Menschenleere Bergwelt der Rocky
Mountains. Andere müssen sich dafür ein teures Wohnmobil mieten, wir hatten
das umsonst. Wir haben nahezu täglich einen Querschnitt der dort
vorkommenden Arten gesehen. Rehe, Hirsche, Elche, Kojoten, Chipmunks,
Weißkopf Seeadler und eines Morgens stand sogar ein riesiger Inder mit
Turban in der Tankstelle wo wir morgens immer unseren Kaffee holten. Das
Highlight war allerdings ein ausgewachsener Cougar (Berglöwe bzw. Puma) der
nur ein paar Meter vor unserem Auto die Fahrbahn kreuzte. Selbst unser
Foreman, der in der Gegend aufgewachsen ist, konnte sich nicht erinnern
jemals einen lebenden Puma in freier Wildbahn gesehen zu haben. Das einzige
was wir nicht gesehen haben, waren Bären. Angeblich sollte es die dort in
allen Farben, Größen und Arten geben, aber wenn wir kamen, hatten die wohl
immer grade Pause oder schon Feierabend.
Was wirklich störend war, war die Zeit zwischen 6.00 Uhr morgens und 18.00
Uhr Abends. 10-inch Blocks legen in der Kohlenmiene. Das ganze bei
überwiegend strahlendem Sonnenschein mit Temperaturen um die 30°C. Dank der
genialen Anzugordnung konnte ich mir nur die Unterarme und das Gesicht
verbrennen. Kurze Hose oder gar ein freier Oberkörper waren auch in der
Miene verboten. In Sparwood steht der größte LKW der Welt als
Touristenattraktion. In der Miene fahren diese Monster Trucks tatsächlich
rum. Die Dinger sind größer als ein Einfamilienhaus und wirbeln beim
rumfahren natürlich auch ordentlich Staub auf. Staub, den wir einatmen
durften und Abend für Abend wieder aufs Neue runterspülen mussten. Das war
manchmal anstrengender als Blocks legen. Eine der wenigen Abwechslungen die
wir uns gegönnt haben, war ein Ausflug mit dem Firmen Truck in die nähere
Umgebung. Auf Fotosafari in den Rocky Mountains - schön war´s. Bei der
ganzen Maloche und den abendlichen Spülvorgängen blieb mir aber gar keine
Zeit mehr mich zu rasieren. Jetzt laufe ich mit einem Vollbart durch die
Gegend. Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass Petra den sofort wieder
runterhaben wollte, aber Pustekuchen. Die findet das gut - jedenfalls
noch...
Am 9. August war der Spuk dann endlich vorbei. Ich habe das erste mal in
meinem Leben 18 Tage am Stück ohne freien Tag dazwischen durchgearbeitet.
Die Überstunden die sich da angesammelt hatten, waren zwar ganz nett, aber da
ich danach erstmal ein paar freie Tage zum verschnaufen brauchte, ist nicht
wirklich viel dabei übrig geblieben. Eine freundliche Einladung der
Chefetage die Baustelle für die nächsten 6 Monate in dem Takt (21 Tage
Arbeit - 7 Tage frei) zu beenden, habe ich dann ebenso freundlich abgelehnt.
Jetzt ist auch wieder in Vancouver Arbeit da. Die Bilder von dem Abenteuer
sind schon eine ganze Weile in unserem
Fotoalbum zu sehen. Im Album Baustellenbilder sind auch noch einige
Aufnahmen aus der Kohlenmiene.
Unsere Reisepässe
hatten wir gleich nach Patricks Ankunft in Vancouver per Kurier nach Berlin
in die Kanadische Botschaft geschickt. Nach genau einer Woche hatten wir die
schon wieder. Wir müssen jetzt noch einmal Canada verlassen und an der
Grenze ganz offiziell immigrieren, dann haben wir wohl unsere permanent
residence sprich PR. Wir werden das an diesem Wochenende erledigen. Bis zur
US Grenze ist es von uns aus nur ein Katzensprung. Wenn alles gut geht,
haben wir dann einen Grund zum Feiern. Und da wir dann "frei" sind, bleibt
es bei uns spannend....
"Congratulations. You are now officially permanent residents of Canada!"
Es ist Freitag, der 29. August 2008 um 18:45 Uhr als die Beamtin der
canadischen Grenzbehörde uns gratulierte.
Wir haben Patrick nachmittags von der
Kirche abgeholt
wo er von seiner 1-wöchigen Konfirmandenfreizeit zurückgekehrt war. Als
Grenzübergang hatte ich mir vorher per WebCam
Huntington in Abbotsford ausgesucht. Das ist zwar etwas weiter weg als
der Grenzübergang in White Rock, aber dafür hat man da kaum Wartezeit zu
befürchten. Dies Wochenende ist nämlich ein langes Wochenende weil am Montag
ein Feiertag ist. Labour Day, so was wie der Tag der Arbeit in DE. Warum man
überhaupt Canada erstmal verlassen muss um nach Canada zu immigrieren hat
sich mir noch nicht ganz erschlossen, aber ist mir jetzt auch wurschtegal.
Am Grenzübergang in die USA war wirklich nichts los. Keine 10 Minuten
Wartezeit und wir standen im Grenzhäuschen der Amis. Nach kurzem Papierkrieg
aber ohne die Visumsgebühren zahlen zu müssen, durften wir umdrehen und
wieder nach Canada einreisen. Dort hat die offizielle Prozedur ungefähr 1,5
Stunden gedauert und uns wurde die `confirmation of permanent residence´
in die Reisepässe getackert. Wir müssen jetzt ca. 4-6 Wochen auf die PR
Karten warten, die uns per Post zugeschickt werden. Während dieser Zeit
dürfen wir Canada nicht auf dem Luftweg verlassen. Allerdings wissen wir
jetzt nicht mehr wie wir heissen. Im Nachnamen Pflüger ist in Deutschland
ein "ü". Diesen Buchstaben gibt es nicht im englischen. Also haben wir
bisher auf allen Dokumenten unseren Namen mit "ue" geschrieben. Die Berliner
Botschaft hat aber auf ihrem Formular Pflüger wieder mit ü geschrieben.
Jetzt ist der Grenzbeamte auf die glorreiche Idee gekommen die ü-Punkte zu
streichen. Also sollten wir bei der Unterschrift auch nur Pfluger schreiben
und werden jetzt wohl auch auf den PR-Karten Pfluger stehen
haben. Auf der Drivers License steht Pflueger und im deutschen
Reisepass Pflüger. Wenn das mal nicht noch zu weiteren
Verwirrungen führt - na mal abwarten.
Jedenfalls bin ich jetzt heilfroh "frei" zu sein. Wir können uns jetzt in
ganz Canada niederlassen wo wir wollen und auch unseren Arbeitgeber frei
wählen und sind nicht länger mit der Arbeitsgenehmigung (work permit) an einen Arbeitgeber gebunden. Außerdem kann man jetzt auch
selbstständig tätig werden, und hat eigentlich fast alle Rechte und
Pflichten wie ein canadischer Staatsbürger. Wählen dürfen wir nicht und
gewählt werden auch nicht. Dafür müssen wir die canadischen
Staatsbürgerschaft beantragen. Das geht wiederum erst, wenn man mindestens 3
Jahre PR Status hat. Genug Zeit, um sich zu überlegen ob wir den Schritt
auch machen wollen.
Sabrina wird uns voraussichtlich im November besuchen und dann mindestens einige Wochen vielleicht sogar Monate bleiben. Sie bekommt bei der Einreise auch den PR-Status. Petra versucht gerade mit Hilfe von unserer guten Bekannten bei der Simon Fraser University - SFU einen Job zu bekommen. Hoffentlich klappt das, damit die Scheiß Nachtschicht endlich ein Ende hat. Ein zusätzlich attraktiver Nebeneffekt wäre natürlich, dass unsere Kinder dann erheblich günstiger bei der SFU studieren könnten.
Jetzt wollen wir auch endlich aus dem Apartment raus. In den nächsten Wochen werden wir mal verstärkt den Häusermarkt in der Umgebung im Auge behalten. Heute waren wir schon in Maple Ridge auf der Pirsch. Die Mieten sind dort zwar billiger, allerdings ist das verkehrstechnisch zur Zeit noch nicht wirklich eine Verbesserung. Bis zur Fertigstellung der Golden Ears Bridge über den Fraser River dauert es leider noch einige Zeit. Es ist viel in Bewegung und wie gesagt - es wird nicht langweilig bei uns.